2016/03/31

14. JUSTUS UIHLEIN | Groll




















WIE KAM ES ZUM FRAGEBOGEN?
Weiterleitung über Onkel Jaka. Mir gänzlich unbekannt bis dato, ausgesprochen ausdauernd in der Nachfrage. Sehr, sehr, sehr ausführliche Antworten. Exceptional Therapiebogen.


PERSON


Name/Wohnort
Justus Uihlein, Leverkusen

Ist dies Dein erstes Interview?

Nein. Aktuell war letztes Jahr war mal was über KANNIBAL KRACH im OX-FANZINE. In der Regel werden jedoch Interviews mit mir zensiert oder nicht veröffentlicht. Irgendwas läuft richtig falsch.

Deine aktuellen Bands/Projekte

GROLL (Doom, Sludge, Metal), KANNIBAL KRACH (Hardcorapunk)

In welchen Bands hast Du vorher gespielt?

STONED AGE (Psychobilly, Punkrock), haufenweise dumme Provinzbands.

Wie lange machst Du schon Musik? Wie kam es dazu?

Eigentlich schon immer. Erste Schülerband mit 15, mit dem heutigen KANNIBAL KRACH-Schlagzeuger Erik.
Musik war für mich lange Zeit die optimalste Form, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Seit meiner frühsten Kindheit bin ich in psychologischer Behandlung wegen Verhaltensauffälligkeiten, saß auch mal 2005 nach einer Art Amoklauf, mit vielen durch mich verletzten Polizisten und Zivilisten, für ein paar Wochen in der Klapse. Ich komm allgemein nur sehr schwer zur Ruhe. Seid ein paar Jahren lebe ich mit der Trenddiagnose bipolare Störung und bin dadurch zu 20 % behindert. Ich mache also aus den oft zitierten „fast schon therapeutischen Gründen“ Musik und andere Kunstformen. Wenn ich rumbrüllen und Leersaiten anschlagen kann, hilft mir das dabei Aggressionen gegen mich selbst und meine Mitmenschen zu vermeiden. Leider blockieren die immer starker werdenden depressiven Phasen mich ein wenig, dafür geht es in der Hypermanie richtig ab.


Welche Instrumente spielst Du? Gelernt oder Autodidakt?

Im Grundschulalter gab es Zwangsklavierunterricht nach bürgerliche Standard. Später Keyboard. Als ich gegen mein (vor der Wirtschaftskrise) reiches/herzloses Elternhaus rebellieren wollte, lernte ich mit 15 E-Gitarre bei Rolf Tönnes- ein bekannter Jazzgitarrist und Gitarrenbuchautor. Er und ich waren uns nach einem Jahr Unterricht einig, dass aus mir kein klassischer Gitarrist wird. Für mich waren Powerchords völlig ausreichend. Damit konnte man Punk, Hardcore und Metal spielen. Der Rest waren Rhythmusschläge. Heute spiele ich am liebsten Bass, weil dickere Saiten.

Dein liebstes Stück im Proberaum?
Gottlose Dunkelheit von GROLL.


Würdest Du sagen, dass Du Dich und Deinen Stil gefunden hast?
Vom Geballerfaktor her auf jeden Fall. Ich kann in dieser Hinsicht alles technisch Umsetzten was ich im Kopf habe.
Allerdings würde ich gerne in den nächsten Jahren mal etwas völlig anderes an Musik oder Kunst ausprobieren. Momentan fühle ich mich etwas gefangen.


Was würdest Du Deinem 16-jährigem Ich mit auf den Weg geben?
Überlege dir gründlich was du wirklich willst, anstatt sinnlose Ausbildungen, Jobs und Studien anzufangen.
Lass deine Depressionen und deine Aggressionen behandeln und trink nicht so viel. Zieh mit 18 sofort zu Hause aus, geh weg aus der Kleinstadt. Verlass dich niemals auf andere, wenn es um etwas geht was dir wichtig ist.



ZEIT & GELD


Beruf/Job?
Ich räume den Toten die Bude aus. Und den Messis. Und den Mietnomaden.
Mittlerweile bin ich staatlich geprüfter Desinfektor mit Bestnoten, darf also offiziell menschliche Überreste wegputzen.
Ich bin Entrümpler und „Tatortreiniger“ wenn du so willst.


Wieviel Zeit bleibt Dir für die Musik? Reicht Dir das?
Zeit habe ich eigentlich genug, da ich es nicht einsehe mehr als 30 Stunden die Woche zu arbeiten. Wenn ich Ideen habe nehme ich sie mit meinem ZOOM-Aufnahmegerät oder Smartphone auf.

Würdest Du überhaupt hauptberuflich Musiker sein wollen?
Nein. Denn ich kann mich genau so schwer dem Kunst- wie dem Arbeitsmarkt anpassen.


Hast Du eine Beziehung oder Familie? Wie wirkt sich das auf die Band aus?
Eine wunderbare Freundin steht mir zur Seite, die mein unstetes Gemüt und meinen Weltschmerz aushält, mir aber auch mal die Meinung geigt, wenn ich zu irre oder selbstmitleidig bin. Dann habe ich noch zwei fast 90 Jahre alte Großeltern, die die Elternrolle übernommen haben. Auf meine Bands hat das keine Auswirkung.

Wie lange hast Du es zum Proberaum?
25 Minuten mit dem Auto. Da die Schrottkarren oft verrecken zurzeit eher 1 bis 2 Busstunden.


Was zahlt Ihr für Euren Proberaum?
KANNIBAL KRACH zahlen insgesamt 30 € im AJZ Bahndamm. Ein Freundschaftspreis, über den
man nicht meckern kann. Manchmal kommen kaputte Suffpunker ohne Haftpflichtversicherung ungefragt zur Tür rein und reißen ein Gitarren-Topteil von der Box. GROLL zahlen immer noch 25 € pro Person. Obwohl wir uns durch 3 1/2 Bands die Miete teilen. Die Gentrifizierung in Köln macht auch vor den Proberäumen nicht halt. In Köln hau ich die Topteile der anderen Bands runter, weil ich da die Rolle des Suffpunkers übernehme.


Wie oft in der Woche machst Du Musik?

Null bis zwei Mal, gemeinsam im Proberaum. Eine Stunde alleine.


Verdienst Du mit der Band Geld? Ist das wichtig?
Ein bisschen kommt mit Merch rein. Nach Möglichkeit verlangen wir eine kleine Festgage, weil wir einfach zu oft von Veranstaltern verarscht und verheizt worden sind. Der schmale Gewinn wird jedoch direkt wieder in die Band investiert. Zurzeit können KANNIBAL KRACH die Proberaummiete und etwas Equipment aus der Bandkasse bezahlen. Unterm Strich zahlt man immer noch heftig drauf.



BANDAKTIVITÄT

Warum spielst Du in einer Band?
Teils aus Gewohnheit, manchmal fast schon aus Zwang. Während man die Gesellschaft um sich herum nicht wesentlich verändern kann, bietet die Band eine Art Refugium und Konstante. Eine kleine Illusion von Freiheit, inmitten einer als feindlich empfundenen Welt. Leider finde ich das Konstrukt Rockband zur Zeit immer anstrengender und ich weiß noch nicht, ob es mittelfristig das richtige für mich ist. Wir werden sehen.

Warum spielst Du Konzerte?
Konzerte sind vor allem die Belohnung für Stress, Streit, abgefuckte Proben und all die nervigen Dinge, die im Hintergrund einer Band ablaufen. Wenn die Karre nicht verreckt ist, alle da sind, man genug Zeit zum Essen und für zwei, drei Bier hat, Publikum anwesend ist, die Technik stimmt und am Ende sogar noch was Gage dabei herauskommt, zur Finanzierung der Band, weiß man wofür man seine Lebenszeit verschwendet. Andersherum: ist das Konzert scheiße, stellt man sein komplettes Dasein in Frage. Konzerte sind oft die einzige Gelegenheit, alte Freunde zu sehen und um gemeinsam zu feiern, ein Schutz vor Einsamkeit und bieten Flucht aus dem trostlos-tonnenschweren Alltag.

Wie viele Konzerte spielst Du im Jahr? Reicht Dir das?
Ca. 20 bis 25. Es könnten ruhig weniger, dafür bessere sein.


Kommst Du zum Touren?
Nein. Das ist mit mindestens zwei Selbstständigen pro Band und aufgrund der persönlichen
Gesundheitssituationen und Lebensumstände undenkbar. Selbst ein Einzelkonzert muss mittlerweile
extrem gut geplant werden, damit alles klappt. Außerdem haben mich meine Erfahrungen als
Tourfahrer und Mercher bei HAMMERHEAD und CHRISTMAS nachhaltig traumatisiert.
Ne- ich will eigentlich nicht touren. Einzelkonzerte sind mein Ding. Höchstens Weekender.


Hast Du schon aufgenommen? Unter welchen Umständen? Welche Formate?
Proberaumdemos zwischen 2003 und 2008. Studioaufnahmen erst ab 2010 mit KANNIBAL KRACH. Es war die typische „Wir nehmen mal bei nem Kumpel auf“-Situation. Mit dem Ergebnis, dass wir zu viel bezahlten, aufgenommene Lieder beim Mix einfach verschwanden und der Sound am Ende nicht unseren Vorstellungen entsprach. Heute haben wir das wirklich professionelle Schmelzer-Studio in Wermelskirchen. Dort haben wir 2012 mit GROLL in moderner Studioqualität aufgenommen. 2015 spielten auch KANNIBAL KRACH ihr drittes Album dort ein.

Warum nimmst Du auf?
Neben den Auftritten ist das die zweite Sache, die ein großes Belohnungsgefühl erzeugt, für den
ganzen Frust und Stress. Es hat auch etwas von persönlichen Meilensteinen, die man geschafft hat.


Was ist heute noch von den alten Strukturen wichtig (Label/Booking/Management)?
Für uns sind diese Strukturen nicht wichtig, da wir sie nur aus Geschichten kennen, höchstens ansatzweise zu ihnen gehören oder sie sogar niemals erlebt haben. Höchstens das OX-FANZINE gehört noch zu den alten Strukturen, von denen wir als Band profitieren.

Nutzt Du davon etwas oder alles DIY?
Bei uns ist fast alles DIY. Mit unundeux haben wir unser erstes Label und bekommen Unterstützung in Rat und Tat, sowie etwas mehr Aufmerksamkeit und Promo. Die sind aber auch DIY. Also bleibt alles DIY.

Wie sind die Aufgaben innerhalb der Band verteilt (Booken, Songwriting, Finanzen, etc.)?
Bei KANNIBAL KRACH mache ich ungefähr und gerne 99 % aller Bandaufgaben. Unser Gitarrist
Kris schrieb allerdings sehr viel Material für das letzte Album, worüber ich sehr froh bin.
Bei GROLL liegt das Songwriting zu 90 % bei unserem Gitarristen Litz. Seit Anfang 2016 nutze ich meine bipolare Energie auch für die Organisation von GROLL. Vorher habe ich „nur Bass gespielt“.



Verbringt Ihr auch außerhalb des Proberaums Zeit miteinander? Ist das wichtig?
Jeder von uns ist von seinen persönlichen Problemen und der Arbeit so erschlagen, dass wir nur selten etwas Abseits der Bands unternehmen. Mit Jan von GROLL war ich letztens auf einem TAKTLOSS-Konzert. Das war schön. Zwei Doom-Hardcore-Typenl beim letzten tighten Nigga Deutschlands.

Was erwartest Du von Bandkollegen? Wer wenig erwartet wird nur schwer enttäuscht und freut sich über alles, was trotzdem erreicht wird.


Bist Du zufrieden mit dem Output Deiner Band?
Jain. Das letzte KANNIBAL KRACH Album kam mit 1-2 Jahren Verspätung. Dafür ist die Platte richtig gut geworden. Bei einer Band wie KANNIBAL KRACH muss man jetzt aufpassen, sich nicht völlig zu wiederholen. Vielleicht ist es unser letztes Album, weil alles gesagt ist. Oder wir müssen uns etwas ändern. Mit GROLL haben wir 2012 ein Debütalbum aufgenommen, dass wir dummerweise „Demo“ genannt haben. Eine Exzellente Platte, ohne Label zum freien Download anzubieten, ist zwar cool, aber irgendwie auch dumm. Da hatten wir zu sehr die Untergrund-Think-Small-Schere im Kopf. Da wäre mehr gegangen. Den Leuten gefällt es allerdings und das ist die Hauptsache. Sie hätten nur gerne Vinyl gehabt. Auch der Output bei GROLL ist sehr zäh, was unteranderem daran liegt, dass unser Hauptsongwriter Litz kurz nach erscheinen des Albums, fast ein Jahr auf Weltreise gegangen ist und Jan und ich so gut wie nichts für GROLL geschrieben haben. Doch wir haben hart an uns gearbeitet, um diesen Zustand zu ändern und nehmen im Herbst endlich den Nachfolger für „Demo“ auf.

Habt Ihr Fans? Wie ist Euer Kontakt zum Publikum? Ist das wichtig?
Seit ca. drei Jahren werden es immer mehr Menschen, die man noch nicht vom Sehen oder dem eigenen Freundeskreis her kannte. Das ist dann wohl ein Zeichen dafür, dass beide Bands von regionalen Pissbands, zur überregionalen Pissbands geworden sind. Künstlich größer machen wollen wir uns trotzdem nicht. Wir bleiben eine irre Minderheit, die Musik für eine irre Minderheit macht. Das realistische Maximalziel mit beiden Bands, ist es in größeren Städten vor 200 bis 300 Leuten und auf kleineren Festivals zu spielen.

Wie stehst Du zur Gema, zu Copyright etc.?
Würde ich kommerzielle Musik machen, wäre meine Meinung zur GEMA anders. Schließlich
bin auch ich käuflich und habe wie jeder Mensch meinen Preis. Aus Amateursicht, finde ich die
GEMA mafiös und undurchsichtig.



Was würdest Du mit anderen Möglichkeiten machen (mehr Zeit, mehr Geld, anderes Land oder
Stadt etc.)?
Das ist eine wirklich gute Frage. Ich lerne gerade zufrieden zu sein mit dem was ich habe. Allerdings
höre ich mir oft die wavigen Sachen an, die ich mit 16, 17 am Computer aufgenommen habe und stelle fest, dass da wohl Potenzial für eine echte Pop-Karriere verschwendet worden ist. Doch ich verstecke mich lieber hinter meiner Hassmaske und trau mich nicht so zu sein, wie ich glaube eigentlich sein zu können. Verstanden? Ich nicht.


Was würdest Du Dir und Deiner Band am ehesten wünschen?
KANNIBAL KRACH: Mehr Publikum, weniger Zensur, Auftrittsverbote und Boykott, Wertschätzung für unsere doch etwas außergewöhnliche Rolle im deutschen Hardcorepunk.
GROLL: Konzentration und Fokussierung, mehr Publikum.


Was hast Du in deinen Jahren in Bands gelernt?
Mich selbst gesundheitlich, finanziell und psychologisch zu ruinieren.


Was inspiriert Dich?
Anpassungsneid, Weltschmerz, Sorgen. Meine bipolare Erkrankung.


Tipps und Weisheiten?
Ruhepausen einhalten. Sich von klassischen Denkmustern lösen (gut/böse, links/rechts). Seine Zeit
nicht ewig verschwenden, wenn sich ein Zustand offensichtlich nicht ändern lässt. Sich selbst nicht so
wichtig nehmen, aber auch nicht vollständig verlieren. Ab und zu mal die Geräte ausschalten. Etwas machen, wofür man alleine verantwortlich ist, als Ausgleich zur Band.


Kennst Du einen guten Musikerwitz?
Nein. Die Leute die Musikerwitze erzählen, sind aber meist fleischgewordene Witzmusiker mit
unbefristeten Bürojobs und frisch gesaugtem Proberaum.




BEST & WORST

B & W Proberaum-Drink
B: Eistee
W: Flasche Wein, danach 6 Bier. Dann die Treppe hoch und im AJZ Bahndamm weitermachen.


B & W Konzerterfahrung
B: Mit 19 Jahren ausverkaufte Konzerte in Bulgarien mit STONED AGE spielen und dort als berühmte Band aus Deutschland behandelt werden. Campino-Feeling, etwas peinlich im Nachhinein. In dem Alter war das aber schön.
W: Mein Knie bei WOLFBRIGADE für immer zerstören.



B & W eigene Songs
B: Monokultur und Pessimist vom neuen KANNIBAL KRACH Album. Sehr persönlich und genau die richtige Mischung aus Pathos, Pop, Hardcore und Wahnsinn.
W: erbärmlicher Deutsch- und Skapunk von vor 5 bis 12 Jahren. Zeiten ändern dich!



B & W Essen vor einem Gig
B: Nichts. Dann freut man sich noch viel mehr beim Rausgehen aus dem AZ auf seinen Dönerteller.
W: vegan vor dem Auftritt, Dönerteller drauf nach dem Auftritt. Fiese Kombo, die kein Körper aushält.


B & W Publikum
B: heterosexuell bis schwul, wertekonservativ bis linksoffen, leicht angetrunken
W: Deutschpunk- und Antifakinder, hängengebliebene Reflexlinke, Dorfjugend, Faschoprolls, Durchschnittswichser mit großer Fresse und echt lustigen Sprüchen („Ihr wart bis jetzt die beste Band heute, habt ja zuerst gespielt, haha!“).


B & W Proberaum
B: AJZ Bahndamm (weil warm, trocken, günstig)
W: AJZ Bahndamm (weil Depressionen verursachendes Symbol meiner sterbenden Jugend)



COMMUNITY


Siehst Du Dich als Teil einer Szene/Community? Wenn ja, wie definiert sich das? Ist es Dir
wichtig?
Gruppenzugehörigkeit ist mir schon immer schwer gefallen. Hab da auch ein gewisses Szenehopping
hinter mir und so einen Überblick darüber bekommen, dass es auf Dauer überall gleich erbärmlich ist.
Sicherlich ist meine Lebenseinstellung durch Punk sozialisiert, als Punk bezeichne ich mich seit einer Weile allerdings nicht mehr. Vielleicht ist das auch Punk. Mir ist es eher wichtig zu den Leuten die ich mag zu gehören, als einer Gruppe auf Teufel komm raus besonders gut gefallen zu wollen. Überhaupt ist die Subkultur nichts als ein Miniatur-Abbild der Gesellschaft mit Gewinnern, Verlieren, Firmen und Vereinen. Widerstand ist zwecklos.


Wie siehst Du die momentane Situation für Bands in Deiner Stadt/ Deinem Land/ der
Comunnity?
Limitiert, aber nicht chancenlos. Ich denke, dass die meisten Bands moderne Kegelclubs für alternde Jugendliche sind. Allerdings geht von diesen in Ausnahmefällen unglaubliche Kraft aus. Vielleicht ist das auch das positive am Älterwerden als Musiker? Nach dem Motto: „Ey, wir haben noch ein paar gute Jahre bis zum Krebs, also reinhauen!“.
Vielleicht kommen diese besten Jahre für unsere Generation erst mit Ü30. Unsere Punks hingegen kannste alle inne Pfeife rauchen. Selbst wenn ein paar von denen nette Kerle sein können, sind die entweder mit totaler Selbstzerstörung oder ihrer reaktionären Polit-Klatsche beschäftigt


Gute Bands aus Deinem Umkreis/Community?
GRIM VAN DOOM aus Wuppertal. Der Tabellenführer des deutschen Sludge-Metal. Direkt nach MANTAR.
Die sind dermaßen engagiert, dass man nur fassungslos daneben steht und sich fragt, woher sie diese unglaubliche Motivation nehmen. Dann wären da noch die anderen Vertreter der Doom/Sludge-Welle aus NRW, wie z.B KINGS OF FORLORN LANDS, SIRENS OF CRISIS und SERPENT EATER. Letztere hauen alles weg und haben auch personelle Überschneidungen mit GROLL und HAMMERHEAD. Die Hardcorepunks von THE.AFTERMATH sind der komplette Gegenentwurf zum Ich-liebe-meine-Eltern-und-spiele-in-ner-Punkband-Rotz mit dem wir hier so aufgewachsen sind. Dann gibt es noch uneingeschränkte Empfehlungen für KADAVERFICKER und unsere Labelkollegen von 100000 TONNEN KRUPPSTAHL. Last but not least: Die Punkband CHRISTMAS, deren Sänger KANNIBAL KRACH aus ganzer Kraft unterstützt und von uns nur enttäuscht wird.


Gute Venues aus Deinem Umkreis/Community?
Sonic Ballroom Köln, unser Proberaum das AJZ Bahndamm (zumindest ab und zu gut, die meiste
Zeit macht mich der Laden krank und depressiv), AZ Mülheim (true love!) und AK47 Düsseldorf.


Gute Label aus Deinem Umkreis/Community?
Mit unundeux haben KANNIBAL KRACH beim besten Untergrundlabel der BRD GmbH gesigned.
Alle anderen sind Fake!


Wie wichtig sind für Dich Fanzines, Blogs, lokale Venues?
Ich lese und liebe das OX-FANZINE, vor allem weil ich dort zwei Doppelagenten untergebracht
habe, die meine Bands pushen. Des weiteren gibt es noch DER ZITRONENHUND (gute Comicreviews) und BIERSCHINKEN. Fö hat mit diesem eine wahre Instanz geschaffen, die zwar schlechte Gagen auf ihren Veranstaltungen zahlt, aber uns im Kampf gegen das übliche Szenegenwichse loyal zur Seite steht. Auch der erste echte Podcast Deutschlands AETHERVOX EHRENFELD von Christian Destroy, ist fester Bestandteil meiner Woche geworden.



WEB


Wie siehst Du den Einfluss von Internet und sozialen Medien (z.B. Facebook, Bandcamp, etc.)
auf die Musikwelt?
Die Menschen werden insgesamt fauler, überreizter und sind schwererer zu begeistern. Bands müssen sich so auch deshalb mehr Mühe geben. Rockmusik an sich ist zu Ende erzählt. Eine Band besteht nur noch zu 20 % aus Musik, dafür zu 80 % aus Image. Wenn man das verstanden hat, liegt darin die Chance ein Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln mit einer Mischung aus Musik, Unterhaltung, Image und Erreichbarkeit. Ein komisches Gefühl bleibt jedoch dabei zurück, wenn man einerseits darüber singt, wie scheiße die Macht des Kapitalismus ist und man andererseits seine Alben trotzdem über Facebook bewirbt, auf Bandcamp verkauft und für jedes dieser Alben eine Gebühr an Konzerne wie Paypal bezahlt.

Wie aktiv bist Du / seid Ihr im Netz?
Sehr. Ich mime ein wenig den Alleinunterhalter auf den Facebookseiten. Wahrscheinlich gibt es was nachzuholen, denn ich habe phasenweise soziale Netzwerke gemieden. Falls die Bands sich einen gewissen Kultstatus erspielt haben sollten, würde ich gerne wieder aus dem Netz verschwinden. Dafür könnte es jedoch zu spät sein oder dieser illusorische Zustand wird nicht mehr eintreten. Mal schauen was nach Facebook so passiert, wenn es jemals ein nach Facebook geben wird. Wir sind nicht EA80.


Was im Web bringt für Bands und Publikum was?
Die Interaktion. Da bekommen beide Seiten Aufmerksamkeit (die härteste Währung unserer Zeit, wichtiger als Geld) und das gemeinsame Leben ist wieder spannend und schön.



SMARTIES


Über welche Medien hörst Du Musik?
Hauptsächlich voll 2000er-mäßig über die eigene MP3-Bibliothek oder 2010er-mäßig über Spotify und Bandcamp.
Unterwegs höre ich keine Musik, da ich als Fußgänger immer kampfbereit sein will, in meinem Verfolgungswahn vor Islamisten, Linksradikalen, Polizisten und Nazis.


Aktuelle Entdeckungen?
Nichts was mich wirklich begeistert hätte. Ich habe nur von aktuellen Erschreckungen statt Entdeckungen zu berichten. Eine davon ist der deutsche Marketing-Moslem KOLLEGAH. Ein sehr unsympathische und primitive Kunstfigur. Wenn diese Form von Rap wirklich die größte Jugendkultur in Deutschland bedient, bin ich froh darüber, ein altmodischer „Rockmusiker“ zu sein. Ich finde deutschen Rap wirklich sehr faschistisch.

Das muss mit auf Tour
Mentholzigaretten, Schokoriegel, Kaugummi (wegen Bullen und Restalkohol), Navigationssystem (!)
mit aktuellen (!) Karten, Smartphone und Netzteil. Obst, Gemüse, geschmierte Brote, Wasser.


Dos & Donts in Bands
Dos: in Probepausen darüber schimpfen, was alles scheiße ist und wer sich alles ficken soll, dann
gemeinsam befreiende Lachanfälle bekommen, dabei mindestens einmal das komplette Set spielen.


Donts: Konzerte vergessen und den Termin mit seiner anderen Band doppelt belegen. Mit dem Smartphone während der Probe spielen (passiert mir leider auch). Proben ohne Begründung absagen. Nicht erreichbar sein. Sich nicht um sein kaputtes Equipment kümmern. Nach dem Auftritt direkt nach Hause müssen. Anscheinend finde ich Bands mittlerweile total scheiße. Kriege schlechte Laune beim Schreiben.

Sexiest Erlebnis als Musiker
Aufgrund meines funktionierenden Privatlebens und einer wundervollen Beziehung, kann ich mich an nichts mehr erinnern, was vor dieser Zeit an sexuellen Abstürzen passiert ist. Ab und an mach ich mit Männern rum, weil mir das von Haus aus erlaubt ist. So sexy ist das jedoch nicht.

Weitere Leidenschaften neben der Musik
Filme machen. Mutiert allerdings gerade eher zu Filme gucken. Ich schneide aus akuter Unlust nur noch wenig Material zu Ende, schauspielere kaum noch und hasse die deutsche Filmszene abgrundtief. Ansonsten zock ich 10 bis 25 Jahre alte Computerspiele. Oft liege ich in der Badewanne und starre die Fliesen an der gegenüberliegenden Wand an.
Neuerdings schreibe ich wieder sehr viel. Dahin wird die Reise wohl in den nächsten Jahren hingehen, da ich Menschen, vor allem auf Konzerten, nicht nüchtern aushalten kann, aber weniger Trinken will und muss.


FINALE
Hast Du noch Fragen an mich?
Woher nimmst du die Motivation und Energie, angesichts der Tatsache, dass wir alle sterben werden
und sich niemand mehr an uns, maximal 20 Jahre nach unserem Tod erinnern wird, deine Zeit für
Fragebögen zu opfern? Spaß gemacht hat es mir auf jeden Fall und ich wünsche dir alles Gute mit
dem Blog. Meinen Support hast du!

e a: Danke schön.


Ein Song und ein Video Deiner Band
http://kannibalkrach.bandcamp.com/album/untermenschen-in-der-berzahl