2016/02/24

12. RUNKEL | Zloty Dawai





















WIE KAM ES ZUM FRAGEBOGEN?
Ich kann mich gerade nicht erinnern aber ich glaube das kam über Japanischen Kampfhörchristof. Video auf YouTube gefiel, nette Korrespondenz. Interessante Mischung aus langen Antworten einerseits und ausgelassenen Fragen andererseits.


PERSON

Name/Wohnort 
Runkel / Berlin (seit 2 Jahren) / Vormals  Köln 

Ist dies Dein erstes Interview?
Ja! Verrückt.

Deine aktuellen Bands / Projekte? 
Band: Zloty Dawai
Solo: R3000

In welchen Bands hast Du vorher gespielt?
The Hippies, Moloch, Schlechte Stimmung

Wie lange machst Du schon Musik? Wie kam es dazu?
In den 80ern angefangen. Mein 2 Jahre älterer Kindheitsfreund kaufte sich mit 16 ein Schlagzeug und spielte schon ein bisschen E-Gitarre, ich holte mir ein Yamaha-Keyboard mit kleinen Tasten und einer Begleitautomatik. Diese sollte kurze Zeit lang Markenzeichen werden. Mit einem 4-Spur-Recorder haben wir angefangen, Spuren zu layern und kleine Songs zu arrangieren. Irgendwo zwischen Schlager und Neubauten. Mit Workarounds wie Anpassung der Aufnahmegeschwindigkeit konnte man sogar böse Madonna-Remixe erstellen. Und immer wieder haben wir uns übers Wochenende irgendwelche Synths oder Sampler im örtlichen Musikalien-Handel ausgeliehen. Danke Musik Behrens! Als The Hippies haben wir dann Tapes veröffentlicht. Und die kleinstädtische Presse verrückt gemacht, mit kryptischen Fotokopie-Plakaten, Sprühkleber und Spray-Schablonen.

Welche Instrumente spielst Du? Gelernt oder Autodidakt?
Schlagzeug, Tasten, Horn. Wirklich gelernt hab ich da nix von. Konnte aber meist mit einfachen, selbst beigebrachten oder abgeschauten Techniken Leute berühren.

Dein liebstes Stück im Proberaum?
Mein Platz hinterm Schlagzeug. Da hatte ich alle Zustände der Mitmusiker im Blick und konnte Verbindungen aufbauen, halten und abbrechen, ein bisschen „dirigieren“ triffts vielleicht. Und Donnermacher! Die machen schön bedrohliche Sounds und die, äh, Schwänze lassen sich gleichzeitig super über die Cymbals peitschen.

Würdest Du sagen, dass Du Dich und Deinen Stil gefunden hast?
Den einen Stil gibts bei mir wohl nicht so. Aber das hab ich immerhin herausgefunden.

Was würdest Du Deinem 16-jährigen Ich mit auf den Weg geben?
Interessante Frage. Einerseits möchte ich mir zurufen: Ey, lern das alles doch mal so richtig! Verschiedenste Harmonie-Lehren, Kompositions- und Spieltechniken... Andererseits steh ich total drauf, auf diesen, nennen wir ihn mal „akademischen“ Ansatz, ähem, zu scheißen. Nicht umsonst heißt das erste Album von Zloty Dawai „Jazz Nazis Must Die“. Wie uns Dan Bodah von WFMU bescheinigte, machen wir ja eine Art Jazz mit DIY-Punkrock-Attitüde. Also ohne ewige Skalen, Polyrhythmen oder ausgeprägte technische Exzellenz. Man sollte vielleicht auch mal darauf hinweisen, dass wir bei Zloty Dawai frei improvisieren und es somit auch keine zuvor festgelegten Harmonien, Rhythmen oder Strukturen gibt. Schlimmstenfalls geht einem irgendwann die direkte emotionale Herangehensweise flöten, wenn man „zu viel“ weiß. Drummer, die immer ihre neu eingeübten Rhythmen unterbringen wollen und gar nicht zuhören, ob das gerade passt, nerven doch gehörig. Muss natürlich nicht sein. Kann aber. Also eigentlich: Go with your Flow! Embrace Zufall! Feel it! 


ZEIT & GELD

Beruf / Job? 
Ich arbeite für einen Hersteller von Musiksoftware und Controllern.

Wie viel Zeit bleibt Dir für die Musik? Reicht Dir das?
Eigentlich zu wenig. Habe aber gerade meine 40h Woche um 10% gekürzt, immerhin.

Würdest Du überhaupt hauptberuflich Musiker sein wollen?
Nein.  Nach einer Zeit als freiberuflicher Ton-Mischer fürs Fernsehen habe ich gelernt, dass mir ein planbares  monatliches Gehalt gut tut. Ich hatte auch schon früh eine Abneigung bei dem Gedanken, von meiner künstlerischen Kreativität finanziell abhängig zu sein.

Hast Du eine Beziehung oder Familie? Wie wirkt sich das auf die Band aus?
Momentan solo. Mehr Zeit für Musik.

Wie lange hast Du es zum Proberaum?
Ich bin von Köln nach Berlin gezogen. Also ungefähr 6h. :) Sonst waren es so 25 Minuten mit der U-Bahn.

Was zahlt Ihr für Euren Proberaum?
Sehr viel: um die 300€ für 25qm. Aber dafür: trocken, Winter wie Sommer wohltemperiert, 24h Krach möglich, recht zentral für alle Beteiligten.

Wie oft in der Woche machst Du Musik?
Unterschiedlich: im Schnitt wohl 1 bis 2 mal.

Verdienst Du mit der Band Geld? Ist das wichtig?
No Money For Art! Aber mal im Ernst: Uns war die Verbreitung unserer Musik immer wichtiger. Wir haben mit WM-Recordings aus den Niederlanden ein sehr geiles Netlabel gefunden. WM steht für Weirdo Music. Es war direkt das erste, was wir damals (ca. 2004) angefragt haben und Marco, der Betreiber, mochte uns sofort. Unser Album „Dada Work Chant“ war das Jubiläums-Album zum 50. Release und wir haben noch 2 weitere auf WM veröffentlicht. Das war die große Zeit der Netlabel und wir haben dadurch ein Stück weit Bekanntheit in der Free-Improv Szene erlangt. Natürlich wird man von manchen belächelt und unterschätzt, wenn man kein Geld nimmt für seine Musik. Aber da können wir nur zurück lächeln. „Dada Work Chant“ ist über 50K mal runter geladen worden. Das wäre mit Bezahlsystem nie passiert.




















BANDAKTIVITÄT

Warum spielst Du in einer Band?
Bei uns kommen 2 Aspekte zusammen: A: Wir alle lieben Musik. Und B: wir sind seit sehr langer Zeit befreundet. 4 von uns 5 sind in dieselbe Schule gegangen, ein weiterer kam vor 20 Jahren, über die Arbeit kennengelernt, dazu. Unsere Bandtreffen waren immer geprägt vom Kommunikation. Musikalisch, wie verbal. Eingeschlossen in meist unterirdischen, fensterlosen Löchern, fernab der alltäglichen Realität, ging es immer darum, eine Auszeit zu nehmen, unsere Sicht der Dinge zu besprechen, Musik zu hören und Musik zu machen. Eine recht emotionale Angelegenheit, auf vielen Ebenen. Einfach nur in einer Band als Schlagzeuger anzufangen, ohne diesen sozialen Background, würde mir persönlich schwer fallen.

Warum spielst Du Konzerte?
Wir haben genau 1 Konzert gespielt in Köln. Das war auch cool – uns wurde aber schnell klar, dass uns der Aufwand zu groß ist. So viele kleine Krachmacher und Equipment für 5 durch die Gegend karren, Termine finden für 5 Leute, die alle in unterschiedlichen Berufen arbeiten, mit schlechten Sound-Gegebenheiten umgehen – das war nicht so unsers. Wir haben aber oft in den Proberaum eingeladen und Menschen konnten so, recht intim, ein kleines, persönlichen Konzert erleben, mit gutem Sound – und sogar Mitmach-Option. Unsere Proben sind überhaupt immer aufgezeichnete Live-Happenings (s.u.).

Wie viele Konzerte spielst Du im Jahr? Reicht Dir das?
0 / ja

Kommst Du zum Touren?
Nö.

Hast Du schon aufgenommen? Unter welchen Umständen? Welche Formate? 
Wir haben mit Zloty Dawai seit 20 Jahren jede Probe aufgenommen. Und auch angehört. Wir sind da quasi mit der Technik gegangen. Erst gab es nur Aufnahmen mit den Mikros einer Video-Kamera (die oft gar nicht so schlecht waren), dann kamen Bandaufnahmen, dann MD (urgh) – und dann für lange Zeit Aufnahmen mit CD-Recordern. Wir haben jahrelang an den Positionen der Raum-Mikros gefeilt und sind mittlerweile weitestgehend zufrieden mit der Qualität. Der Begriff „Probe“ triffts auch nicht wirklich. Anspruch ist, dass alles, was wir spielen, auch live funktionieren sollte. Erst haben wir Tapes zusammengestellt. Unser eigentliches Debut gab es dann als selbst gebrannte CDs, mit Stempel. Danach haben wir nur noch Downloads veröffentlicht.  Als R3000 hab ich mir ein kleines Wohnzimmer-Studio eingerichtet. Aufgenommen werden da ab und zu Vocals und Sounds – der Rest kommt aus virtuellen Instrumenten und bestehenden Samples. Alles nur als Download/Stream erhältlich.

Warum nimmst Du auf?
Wir hören uns jede Aufnahme/Probe gemeinsam an und diskutieren, was wir gut und was wir nicht so prall finden. Durchaus kontrovers. Dadurch halten wir uns wachsam, mit dem Ziel, langweilige Findungsphasen während des Spielens und allzu ausufernde Ego-Trips zu vermeiden. Am Ende sortieren wir dann nach einem verdammt ausgeklügelten System aus, was wir veröffentlichen wollen.

Was ist heute noch von den alten Strukturen wichtig (Label / Booking / Management)?
Für uns war es super, dass wir ein erfolgreiches Netlabel auf unserer Seite hatten. Auch wenn es heute viel einfacher ist, seine Sachen über Bandcamp, Soundcloud, etc. zu veröffentlichen, ist so eine Verbreitungsplattform, die Publicity generiert, wichtig. Einfach nur warten, bis irgendwer das Zeug auch hört, das man veröffentlicht, klappt wohl eher selten. Ich muss aber auch sagen, dass das vor 10 Jahren noch richtig Spaß gemacht hat, die neuen Verbreitungswege auszuloten, Blogs zu finden, die ins Profil passen und anzuschreiben. Netlabels, Blogs und Hörer waren hungrig auf neue Musik, abseits des Mainstreams. Die  Goldgräberstimmungs-Zeit der Blogs und Netlabels ist aber irgendwie vorbei, als alle Musikliebhaber noch die wirklich interessanten, obskuren Scheiben, neu oder alt, zum Download rausgehauen haben. Auch Last.fm war wichtig, um sich mit anderen Musik-Freaks, Musikern, Radio- und Label-Machern zu vernetzen. Das alles ist seit Spotify und Co. irgendwie anders. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur uninformiert, was neue und interessante Musikblogs usw. angeht.

Nutzt Du davon etwas oder alles DIY?
Wir werden bestimmt auch ein neues Zloty Dawai Album wieder auf Weirdo Music rausbringen. Ansonsten DIY, Bandcamp, Soundcloud.

Wie sind die Aufgaben wie Booking, Songwriting, Finanzen etc. innerhalb der Band verteilt?
So viele unterschiedliche Aufgaben gibts bei uns nicht. Einer hat ein Konto für die Überweisungen für den Proberaum. Alle sorgen dafür, dass es gedeckt ist. Publicity ist wohl mein Part.

Verbringt Ihr auch außerhalb des Proberaums Zeit miteinander? Ist das wichtig?
Wir sind alte Freunde. Für unsere spezielle Herangehensweise der freien Improvisation ist auch der Kontext des Privaten wichtig. Gab es Beef im Privaten, war der auch im Proberaum und in der Musik spürbar.

Was erwartest Du von Bandkollegen?
Konzentration.

Bist Du zufrieden mit dem Output Deiner Band?
Allet jut soweit. Bin selber Schuld daran, dass die neue Scheibe noch nicht gemixt ist.

Habt Ihr »Fans«? Wie ist Euer Kontakt zum Publikum? Ist das wichtig?
Es gibt Fans, aber wohl eher im Bekanntenkreis. Der ein oder andere hat sich auch mal per Email gemeldet. Ist schon schön, wenn das passiert. Aber wichtig, eher nein.

Wie stehst Du zur Gema, zu Copyright etc.?
Wir veröffentlichen unter Creative Commons Licence. D.h. jeder kann unsere Musik spielen, benutzen, weiter verbreiten, etc. solange unser Name genannt wird. Manchmal findet man unsere Tracks auf Compilations, in Videos, auch in Hörspielen. Finden wir gut. Ich persönlich sehe die Gema als Tentakel-schwingendes Hydra-Geschöpf, das kleine Clubs tötet und kleine Künstler klein hält. Klauseln, die einen über Jahre zwingen, nichts zu veröffentlichen, bevor man austreten kann, nee – ohne mich. Verwaltungsgebühren, Intransparenz, Youtube-Klage, alles ärgerliche Aspekte. Für etabliertere Künstler, die auch davon leben, sieht das bestimmt anders aus. 

Was würdest Du mit anderen Möglichkeiten wie mehr Zeit, mehr Geld, anderes Land oder Stadt etc. anstellen?
Öfter die Drum-Felle wechseln. Mehr reisen.

Was würdest Du Dir und Deiner Band am ehesten wünschen?
Einen eigenen Toningenieur im Nebenraum. Der auch Bier, Fanta und Pommes holen geht.

Was hast Du in Deinen Jahren in Bands gelernt?
Kompromisslosigkeit und Kompromissbereitschaft zu Leveln.

Was inspiriert Dich?
Gute Musik, gute Abende mit Freunden, gute neue virtuelle Instrumente.

Tipps und Weisheiten?
Niemand hat recht. Nur jeder seine Gründe. 

Kennst Du einen guten Musikerwitz?
Passe.


BEST & WORST

B & W Proberaum-Drink
B: Bier (2 bis 3)
W: Bier (4 bis unendlich)

B & W Konzerterfahrung
B: Lou Reed Live Open Air, bei „Heroin“ geht plötzlich die düstere Wolkendecke auf und die Sonne strahlt durch. Pippi in den Augen.
W: Ich bin als Teenager oft bei Konzerten einfach umgefallen, so kreislaufmäßig. War unangenehm.

B & W eigene Songs

B & W Essen vor einem Gig

B & W Publikum
Shut up and dance! 

B & W Proberaum
Wir hatten mal einen riesigen Probe-Gewölbekeller zusammen mit 2, 3 anderen Bands. Der war urig, wunderschön und hatte einen tollen Sound. Da musste man aber fast täglich den Entsafter entleeren, da kamen Liter zusammen! Also nochmal für alle: Trockenheit rules, was Proberäume angeht!


COMMUNITY

Siehst Du Dich als Teil einer Szene / Community? Wenn ja, wie definiert sich das? Ist es Dir wichtig? 
Ich mochte schon immer verschiedenste Szenen. Sehen, glaube ich, alle so bei uns. Zur Kölner Improv-Community gibts aber eigentlich keine Berührungspunkte. Wir hätten mal auf dem großartigen, von Dr. Borg organisierten Nozart-Festival spielen können, doch dann wurde es abgesagt, weil sich der Location-Betreiber nach 12 Jahren der guten Zusammenarbeit einfach arschig verhielt und plötzlich absagte. Schade, denn auf dem Nozart kamen tatsächlich alle Kölner (und nationale/internationale) Größen der experimentellen Musik zusammen. Das war leider das Ende vom Nozart.

Wie siehst Du die momentane Situation für Bands in Deiner Stadt / Deinem Land / der Community?
Eine Feundin sagt immer: „Egal. Weitermachen!“

Gute Bands aus Deinem Umkreis / Community?
Japanische Kampfhörspiele, Der_Warrior (Band), Fist van Odor (DJ), 

Gute Venues aus Deinem Umkreis / Community?
Club Scheiße (Köln), West Germany (Berlin)

Gute Label aus Deinem Umkreis / Community?
WM Recordings (NL), Killekill (Berlin)

Wie wichtig sind für Dich Fanzines, Blogs, lokale Venues?
Blogs waren sehr wichtig für eine gewisse Zeit. Sowas wie Mutant Sounds, holy moly! Hatte selber mal einen über zu selten gehörte Musik (The More You Think About It) und war damit einigermaßen gut vernetzt. Lese heutzutage aber kaum noch Blogs. Ein Bekannter stellt monatlich eine Spotify-Playlist der letzten Wire-Ausgabe zusammen. Kombiniert mit Tipps von Freunden reicht mir das tatsächlich. Das oben erwähnte West Germany am Kotti ist immer ein Garant für ausgesucht gute Konzerte und Happenings. Man muss sich allerdings vor Ort in den Newsletter eintragen, um über das Programm informiert zu werden.


WEB

Wie siehst Du den Einfluss von Internet und sozialen Medien wie z.B. Facebook und  Bandcamp auf die Musikwelt? 
Den Bereich WEB hab ich wohl oben schon ausreichend beleuchtet. Und Facebook kann mich mal.

Wie aktiv bist Du / seid Ihr im Netz?

Was im Web bringt für Bands und Publikum was?


SMARTIES

Über welche Medien hörst Du Musik?
Stream (Spotify, Soundcloud, Bandcamp), selten Vinyl

Aktuelle Entdeckungen?
Annette Peacock's „I'm the one“ hatte ich bis neulich nicht auf dem Schirm. Ansonsten empfehle ich immer gerne Sonny Sharrock's „Black Woman“. Elektronisch vielleicht Joe's „Claptrap“-Track.

Das muss mit auf Tour

Dos & Donts in Bands

Sexiest Erlebnis als Musiker

Weitere Leidenschaften neben der Musik
Filme und Serien.


FINALE

Hast Du noch Fragen an mich?
Welche Frage würdest Du gerne mal beantworten?
e a: Buzzo, mir einen Schokoriegel reichend: »Would you like to tour with us?« Ich würde mit »Yum« antworten.

Ein Song und ein Video Deiner Band (Link)



https://zlotydawai.bandcamp.com

https://soundcloud.com/r3000